Was mir vorschwebt, ist ein Theater,
das den Menschen wieder Freude gibt.

Max Reinhardt, 1901

100 Jahre Friedrichstadt Palast
Prolog / Vorgeschichte
1867-1919

Der alte Friedrichstadt-Palast entsteht nicht an der Friedrichstraße, sondern am Schiffbauerdamm. 1867 wird dort die erste Markthalle Berlins nach Pariser Vorbild errichtet. Die anspruchsvolle Eisenkonstruktion ist hochmodern, muss aber mangels Kundschaft schon nach sechs Monaten schließen. ZurĂŒck bleibt eine leere HĂŒlle – mit großem Potential fĂŒr die Unterhaltungskultur.

Erster Weihnachtstag 1873 – große Eröffnung eines großen Zirkus. Mit enormem Aufwand wurde die alte Markthalle umgebaut und ein Zirkus mit gigantischen Ausmaßen ist entstanden. Die Angaben zur Anzahl der PlĂ€tze schwanken, es sollen zwischen 4600 und 5125 sein. An den VorgĂ€ngerbau erinnern jetzt nur noch architektonische Überreste und der Name „Markthallen-Zirkus“.

Großes Schauspielhaus
1919-1933

Max Reinhardt ist ein herausragendes Multitalent: begnadet als Schauspieler, wegweisend als Regisseur und wagemutig als Schöpfer eines ganzen Theaterkonzerns. 1919 grĂŒndet er das Große Schauspielhaus mit seiner einzigartigen ArenabĂŒhne. 1933 verliert er als Jude seine Berliner Theater. Nach einer Zwischenstation in seinem Heimatland Österreich emigriert er 1938 in die USA, wo er 1943 stirbt.

GesprÀche mit Zeitzeug*innen des Palastes geben Einblicke hinter die Kulissen des Hauses und erzÀhlen Geschichten, die Sie wohl noch nicht gehört haben.

Das Große Schauspielhaus eröffnet mit der antiken „Orestie“ des Aischylos. Reinhardt schickt Spitzendarsteller in die Arena und bis zu 1000 Statisten fĂŒr die Chöre. Mit sensationellen Massenszenen im Riesenraum besteht das Theater seine erste BewĂ€hrungsprobe. Hauptstar des Abends ist aber das neue Haus selbst. Seine Schöpfer Max Reinhardt und Hans Poelzig werden frenetisch gefeiert.

Eine historisch-politische Mammutshow ĂŒber Krieg und Revolution in den Jahren 1914 bis 1919 kommt 1925 auf die BĂŒhne des Großen Schauspielhauses. Anlass ist die Eröffnung des X. Parteitages der KPD. Regie fĂŒhrt der Theateravantgardist Erwin Piscator im revolutionĂ€ren Agitprop-Stil. Erstmals setzt er bei dieser AuffĂŒhrung neben dokumentarischen Spielszenen auch den Film als Element der BĂŒhnenaktion ein.

Nach dem Vorbild der amerikanischen „Revellers“ ruft der SĂ€nger Harry Frommermann die Gesangsvereinigung 1927 in Berlin-Friedenau ins Leben. Der Aufstieg des Ensembles beginnt am Großen Schauspielhaus in Berlin.

Theater des Volkes
1933-1945

Mit einer perfiden Kombination aus gesetzlichen Vorgaben, der politisch motivierten Anwendung des Körperschaftsrechts, Raub und Terror schaffen es die Nationalsozialisten, Max Reinhardt bis zum FrĂŒhjahr 1934 entschĂ€digungslos aus dem Konzern zu drĂ€ngen und sich seine Theater anzueignen. Neuer Besitzer des Großen Schauspielhauses ist von nun an die „Deutsche Arbeitsfront“.

Am 16. Mai 1935 wird „Frau Luna“ im seit 1934 so genannten „Theater des Volkes“ inszeniert, dem spĂ€ter in Friedrichstadt-Palast umbenannten Großen Schauspielhaus. Aus der zweiaktigen Operette von 1921 ist eine Revue in neun Bildern entstanden, die eine außergewöhnliche Szenerie bietet: Inmitten einer Wolkenprojektion steigt ein Flugzeug von der BĂŒhne zum Mond auf.

Gibt es eine Konstante in der Historie des GebĂ€udes, dann sind es die Umbauten. 1938 werden im Saal die Stalaktiten entfernt, die große Kuppel abgehĂ€ngt, die BĂŒhne verĂ€ndert. Zuvor waren in den Museen des Reiches die Ausstellungen „gesĂ€ubert“ worden. Als „entartet“ gilt jetzt alles, was sich dem nationalsozialistischen Schönheitsideal entgegenstellt, auch Poelzigs Architektur im Theater des Volkes.

Anfang 1943 wird das Theater des Volkes kurze Zeit zum Filmstudio und dient als VarietĂ© „Tabarin“ fĂŒr die Außenaufnahmen des Films „Akrobat schö-ö-ö-n“. Wolfgang Staudte stellt in seinem DebĂŒt als Spielfilmregisseur den damals berĂŒhmten Clown Charly Rivel vor die Kamera und schreibt ihm das Drehbuch auf den Leib. Rivel zeigt im Film Ausschnitte seines BĂŒhnenprogramms. An seiner Seite spielen Clara Tabody, Karl Schönböck und KĂ€the Dyckhoff.

Berlin / Berlin
1945-1961

Berlin bekommt seinen „Palast“ zurĂŒck. Am 17. August 1945 beginnt um 17.30 Uhr die erste Vorstellung nach dem Krieg. Direktorin des Hauses ist Marion Spadoni, Tochter einer Artistenfamilie und Großnichte des frĂŒheren Zirkusinhabers Schumann. Ihrem privaten Engagement ist es zu verdanken, dass die Stadt wieder ein GroßvarietĂ© hat.

Der Winter 1946/47 kommt als einer der kĂ€ltesten seit Jahrzehnen nach Mitteleuropa. Seit Anfang Januar liegt Berlin im Dauerfrost, der erst im MĂ€rz verschwinden wird. Palast-Direktorin Marion Spadoni öffnet ihr Haus ab dem 9. Januar tĂ€glich außer sonntags von 10.00 Uhr bis 16.00 Uhr fĂŒr die notleidende Bevölkerung als „WĂ€rmehalle“. Die anderen Theater Berlins werden dem Beispiel des Palastes im Februar folgen.

GesprÀche mit Zeitzeug*innen des Palastes geben Einblicke hinter die Kulissen des Hauses und erzÀhlen Geschichten, die Sie wohl noch nicht gehört haben.

Am 1. November 1947 wird der „Palast“ in „Friedrichstadt-Palast“ umbenannt. Marion Spadoni, der zum 1. September bereits die Lizenz entzogen worden war, ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr die Direktorin. Die Umbenennung erfolgt aufgrund einer geschĂ€ftlichen Trennung der Unternehmen. Neuer Direktor ist Nicola Lupo, der bereits seit September die GeschĂ€fte des VarietĂ©s fĂŒhrt.

Am 15. Oktober 1954 schreibt die Berliner Zeitung: „Wiederholt haben wir uns in diesen Spalten fĂŒr die Inszenierung artistischer Nummern eingesetzt, die ĂŒber den Ablauf eines reinen Nummernprogramms hinausgeht. Der neue Direktor des Friedrichstadt-Palastes, Gottfried Herrmann, hat jetzt damit einen Anfang gemacht.“ „Einmal am Rhein“ markiert in der Tat den Beginn einer Entwicklung: Die Produktionen lösen sich kĂŒnftig immer mehr vom traditionellen Nummernprogramm und werden revueartiger.

Jedes Kind in der DDR kennt Clown Ferdinand. Der Prager Schauspieler Jiƙí VrĆĄĆ„ala entwickelt die Kunstfigur ab 1955 fĂŒr das tschechische Kinderfernsehen. 1957 beginnt Jiƙí VrĆĄĆ„ala eine lang anhaltende Kooperation mit dem DDR-Kinderfernsehen und tritt zum ersten Mal mit „Clown Ferdinand im Zauberland im Friedrichstadt-Palast“ auf.

Geteilte Stadt
1961-1989/90

Im November 1961 wird Wolfgang E. Struck zum Direktor des Friedrichstadt-Palastes berufen. Bereits in seiner Antrittspressekonferenz spricht er davon, der Ausstattungsrevue zu neuer BlĂŒte verhelfen, aber auch Neues ausprobieren zu wollen. 27 Jahre lang wird er das Revuetheater leiten und in dieser Zeit das Haus zur wichtigsten UnterhaltungsbĂŒhne der DDR machen.

Eine 25-JĂ€hrige taucht zum ersten Mal auf dem Besetzungszettel auf: Helga Hahnemann. „Eine kleine Nachtmusike“ wird ihr Palast-DebĂŒt, die Rolle klein, aber der Eindruck, den sie hinterlĂ€sst, groß. Damals noch als „mehr lautstarke denn stimmschöne ,Klemmbrumme‘“ bezeichnet, wird aus dem „jungen Talent“ einer der beliebtesten Unterhaltungsstars der DDR.

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„da capo“ nennt sich das Novemberprogramm mit wechselnden Gaststars. Doch ein Name wird alle ĂŒberstrahlen: Josephine Baker, „das schöne Idol aus braunem Stahl, Ironie und Gold“, wie Jean Cocteau sie beschreibt. Sie ist mittlerweile 63 Jahre alt und tritt mit wallendem Schwanenpelz, Federboa und großem Kopfputz auf – sichtlich nicht mehr ganz neu und nicht mehr ganz weiß.

29. Januar 1972 – der erste „Kessel“ geht live auf Sendung. Neu ist vieles und Altbekanntes gibt es auch. Was vor ein paar Jahren die „Drei Mikrofonisten“ waren, sind jetzt die „Drei Dialektiker“. Der „Kessel“ wird zwei Jahrzehnte lang die wichtigste Unterhaltungsshow des DDR-Fernsehens. Die Fernsehrevue ist eine Mischung aus Tanz und Musik, Artistik, Kabarett und Zirkus und trifft den Zeitgeschmack, auch in Westdeutschland.

Nach fĂŒnf Folgen wird der „Kessel“ bunt und mit der siebten feiert er Geburtstag. „Es lebe der erste Jahrestag“ steht auf dem Transparent der Moderatoren und zur Feier des Tages gibt’s ein neues BĂŒhnenbild. Die NachwĂ€sche hat es allerdings in sich, spĂ€testens jetzt ist die Sendung im Kampf der Systeme angekommen.

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Freitag, 29. Februar 1980, ausverkauftes Haus. Zum letzten Mal Publikum im Friedrichstadt-Palast, darunter viele, die hier oft auf der BĂŒhne standen. Wenige Stunden vorher meldet die staatliche Nachrichtenagentur ADN, dass im Friedrichstadt-Palast ab dem 1. MĂ€rz 1980 keine Vorstellungen mehr stattfinden können. Die Sicherheit der Zuschauer sei nicht mehr gewĂ€hrleistet.

GesprÀche mit Zeitzeug*innen des Palastes geben Einblicke hinter die Kulissen des Hauses und erzÀhlen Geschichten, die Sie wohl noch nicht gehört haben.

Kurze GesprÀche mit Zeitzeug*innen des Palastes geben Einblicke hinter die Kulissen des Hauses und erzÀhlen Geschichten, die Sie wohl noch nicht gehört haben.

Es sind Dimensionen eines Staatsakts – bereits die Pressekonferenz am Vormittag ist international besetzt, das Interesse groß. Am Abend hebt sich der Vorhang vor dem Premierenpublikum, darunter die Oberen der Partei- und StaatsfĂŒhrung der DDR. Das DDR-Fernsehen ĂŒbertrĂ€gt mit einer Stunde Verzögerung ab 20.00 Uhr – zu wenig Zeit, um die Pointen des ConfĂ©renciers O.F. Weidling vor dem Ausstrahlen einzukassieren.

Heute / Gegenwart
ab 1990

Die friedliche Revolution in der DDR bringt am 9. November 1989 die Berliner Mauer zum Einsturz. Die 28 Jahre wĂ€hrende Teilung der Stadt ist ĂŒberwunden. Knapp ein Jahr spĂ€ter, am 3. Oktober 1990, wird auch die Deutsche Einheit vollzogen. Die vier SiegermĂ€chte des Zweiten Weltkrieges verlassen Berlin.

Bis zur ersten Wahl eines Gesamtberliner Senats (1991) verwalten der Magistrat von Berlin (Ost) und der Senat von Berlin (West) die Stadt gemeinsam. Wie aber umgehen mit den Kultureinrichtungen der ehemaligen Hauptstadt der DDR?  Nicht nur der Friedrichstadt-Palast gerÀt plötzlich in existentielle Not.

GesprÀche mit Zeitzeug*innen des Palastes geben Einblicke hinter die Kulissen des Hauses und erzÀhlen Geschichten, die Sie wohl noch nicht gehört haben.

Kurze GesprÀche von Zeitzeug*innen des Palastes geben Einblicke hinter die Kulissen des Hauses und erzÀhlen Geschichten, die Sie wohl noch nicht gehört haben.

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Kurze GesprÀche von Zeitzeug*innen des Palastes geben Einblicke hinter die Kulissen des Hauses und erzÀhlen Geschichten, die Sie wohl noch nicht gehört haben.

Kurze GesprÀche von Zeitzeug*innen des Palastes geben Einblicke hinter die Kulissen des Hauses und erzÀhlen Geschichten, die Sie wohl noch nicht gehört haben.

Große Verdienste statt großer Namen: Zum 100-jĂ€hrigen Bestehen seiner BĂŒhne lĂ€dt der Friedrichstadt-Palast keine Prominenz, sondern 1.900 Berliner*innen ein. Menschen aus KrankenhĂ€usern, von der Feuerwehr, der Polizei und aus Hilfseinrichtungen, Menschen, die sich freiwillig und ehrenamtlich fĂŒr das Gemeinwohl engagieren, kommen in den Genuss einer kostenlosen Vorstellung und im Anschluss einer rauschenden Geburtstagsparty.

Normalerweise hĂ€tte am 11. Juli 2020 die DerniĂšre der JubilĂ€umsspielzeit stattgefunden. Noch am 29. November 2019 feiert der Palast gemeinsam mit 1.900 Berliner*innen das 100-jĂ€hrige BĂŒhnenjubilĂ€um und erlebt ein Rekordjahr mit der VIVID Grand Show und 545.000 GĂ€sten. Im MĂ€rz 2020 kommt jedoch alles anders: Durch die Corona-Pandemie findet der Spielbetrieb ein jĂ€hes Ende. Die DerniĂšre der VIVID Grand Show und die geplante neue Produktion mĂŒssen auf 2021 verschoben werden. Doch jede Spielzeit hat eine letzte Vorstellung verdient…

Erst im vergangenen Jahr feierte der Palast sein 100-jĂ€hriges BĂŒhnenjubilĂ€um, nun wird der neue Friedrichstadt-Palast Berlin, der 1984 als letzter ReprĂ€sentationsbau der DDR vor der Wende eröffnete, unter Denkmalschutz gestellt.